Warum retten wir den einen Wal – und lassen tausend andere sterben?

Über Geschichten, Aufmerksamkeit und die Frage, was uns wirklich bewegt.

Wenn man sich die Geschichten der Menschheit anschaut – egal ob in Büchern, Filmen oder Serien – fällt auf: Es geht eigentlich immer um das Gleiche. Liebe. Sex. Macht. Verrat. Tragödien. Gewalt. Und ganz oft: irgendein Kampf gegen irgendjemanden. Mal gegen Drachen, mal gegen das Imperium, mal gegen die Schwiegermutter.

Natürlich gibt es Variationen. Historienfilme, Science-Fiction, Gegenwartsdramen. Aber das Grundmuster bleibt: Einzelne Menschen kämpfen sich durch ein chaotisches Universum und schaffen es irgendwie – oder auch nicht. Meistens verbunden mit Explosionen, großen Gefühlen und mindestens einem emotionalen Soundtrack.

Und das funktioniert. Denn wir lieben solche Geschichten. Wir zahlen Eintritt, klicken, streamen, diskutieren sie. Wir fiebern mit, weinen mit, spenden vielleicht sogar, wenn der Film oder die Doku emotional genug war.

Was dabei auffällt: Es geht fast immer um Einzelschicksale. Um das eine Kind mit der seltenen Krankheit. Um den einen gestrandeten Wal, den man mit viel Aufwand und einer herzzerreißenden Musikuntermalung zurück ins Meer schiebt. Oder um den einen Hund, der auf einem Balkon in Rumänien gerettet wird, weil ihn jemand zufällig gefilmt hat.

Laut WWF sterben jedes Jahr ca. 20.000 Wale als sogenannter Beifang in Fischernetzen

Nichts dagegen. Jeder Wal, jedes Kind, jedes Lebewesen verdient Mitgefühl. Die Frage ist nur: Warum investieren wir so viel Aufmerksamkeit, Energie und Geld in das eine Schicksal – während zur selben Zeit hunderte andere im Stillen sterben? Ohne Kamera, ohne Geschichte, ohne Rettung?

Wissenschaftlich ist das übrigens gut belegt. Man nennt es den Identifizierbaren-Opfer-Effekt. Wir reagieren viel stärker auf ein konkretes Einzelschicksal als auf abstrakte Zahlen. 500.000 hungernde Kinder? Tragisch. Ein einzelnes Baby mit großen Augen auf dem Bildschirm? Sofort Spendenbereitschaft.

Wir handeln also nicht immer vernünftig.

Wir handeln oft erzählbar.

Und das hat Konsequenzen: Ressourcen, politische Entscheidungen, mediale Aufmerksamkeit – sie folgen der besseren Geschichte. Nicht dem besseren Argument. Wer rührt, regiert. Und wer reich ist, kann die besten Geschichten erzählen. Mit Kamera, Musik, Drehbuch – und am besten noch mit einem bekannten Gesicht als Erzähler.

Systemische Lösungen hingegen sind schwierig. Sie brauchen Zeit, sind komplex, selten heroisch. Und sie haben keinen klaren Bösewicht mit dunklem Umhang.

Der Klimawandel? Zu langsam für Hollywood. Bildungsgerechtigkeit? Zu kompliziert. Globale Kooperation? Klingt nach Sitzkreis, nicht nach Blockbuster.

Aber vielleicht ist das genau das Problem. Vielleicht erzählen wir einfach zu selten vernünftige Geschichten. Geschichten, in denen nicht der Einzelne die Welt rettet, sondern in denen viele gemeinsam ein besseres System bauen. Geschichten, in denen nicht der Held am Ende triumphiert, sondern in denen eine Gesellschaft klüger wird.

Woran liegt das? Vielleicht daran, dass wir emotional programmiert sind, uns an Geschichten festzuhalten, die uns packen, nicht an solche, die uns weiterbringen. Vielleicht aber auch daran, dass die, die von der Unvernunft profitieren, das bessere Marketingbudget haben.

Denn wer Aufmerksamkeit kontrolliert, kontrolliert Energieflüsse – und letztlich Veränderung. 

Und solange sich mit Gefühl mehr verdienen lässt als mit Vernunft, wird Gefühl in Serie produziert. Mit Abspann, Soundtrack und Spendenkonto.

Was also tun?

Vielleicht beginnen wir damit, neue Geschichten zu suchen. Geschichten, die systemisch denken und trotzdem berühren. Geschichten, in denen die Lösung nicht „Held erschlägt Drachen“ heißt – sondern „Menschen bauen gemeinsam einen besseren Drachenstall“.

Vielleicht müssen wir uns daran gewöhnen, dass es auch berührend sein kann, wenn ein System gerechter wird – und nicht nur, wenn ein einziger Wal gerettet wird. Vielleicht muss Vernunft nicht langweilig sein. Vielleicht braucht sie nur bessere Erzählformen.

Und vielleicht beginnen wir genau hier – mit der Frage: Welche Geschichten wollen wir wirklich erzählen? Und warum?

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