Was hält mich eigentlich ab?

„Ich würde ja gerne – aber gerade passt es nicht“

Manchmal frage ich mich, was mich eigentlich davon abhält, endlich so zu handeln, wie ich es für richtig halte. Wirklich vernünftig zu handeln. Und zwar nicht irgendwann, wenn mal mehr Zeit ist – sondern jetzt.

Vor ein paar Jahren wollte ich zu einer Fridays-for-Future-Demo gehen. Ich hatte mir das fest vorgenommen. Ich war überzeugt, dass ich mich zeigen muss, dass ich Stellung beziehen will. Aber dann kam die Arbeit dazwischen. Und das war keine billige Ausrede. Ich musste wirklich arbeiten.

Später bin ich dann sogar in eine Partei eingetreten – MERA25, eine kleine, progressive Bewegung. Ich wollte etwas bewegen. Politisch mitgestalten. Aktiv sein. Bis heute war ich auf keiner einzigen Veranstaltung dieser Partei.

Ich habe und hatte immer etwas zu tun: Ich bin selbstständig, habe Familie, Haus, Garten, Verpflichtungen. Es gibt immer einen Berg an Aufgaben, der gerade wichtiger scheint. Und das ist keine faule Ausrede. Das ist mein Alltag. Vielleicht kennst du das.

Gerade heute passt es nicht.

Und dann sehe ich Bilder von Menschen, die tagelang Bäume besetzen, sich an Bagger ketten, Demonstrationen organisieren, sich mitten unter der Woche für andere einsetzen – für Wälder, Tiere, Gerechtigkeit, das Klima. Und ich frage mich: Wie machen die das?

Ich merke: Wenn ich im Stress bin, geht meine Vernunft als erstes über Bord. Dann esse ich zu schnell, zu viel, zu ungesund. Trinke zu viel Kaffee, greife zu Schokolade. Alles, was kurzfristig beruhigt. Langfristig? Nicht sehr vernünftig.

Ich glaube: Vernunft braucht Raum. Und Zeit. Und vor allem – keine Angst.

Denn Angst ist der natürliche Feind der Vernunft. Angst um den Job. Angst, etwas falsch zu machen. Angst, nicht dazuzugehören. Angst, zu versagen. Angst, nicht zu genügen. Angst vor Krankheit. Vor Einsamkeit. Vor dem Krieg. Vor dem großen bösen Wolf im Außen und Innen.

Heute habe ich eine kleine Geschichte gehört, die mich berührt hat: Ein Junge fährt mit seiner Mutter auf den Eiffelturm. Oben steigt er aus dem Aufzug, tritt hinaus – und ist gelähmt vor Höhenangst. Seine Mutter sagt: „Schau dir das stabile Geländer an. Sieh die vielen Menschen, die da draußen stehen. Keiner fällt hinunter. Der Turm steht seit über 100 Jahren.“

Aber es hilft nichts. In diesem Moment zieht kein Argument der Welt. Keine Logik. Keine Statistik. Vernunft? Blockiert.

Und ich frage mich: Sind wir als Menschheit nicht oft genau in dieser Lage?

Wir wissen, was vernünftig wäre. Wir wissen, was richtig wäre. Und trotzdem handeln wir nicht. Weil die Angst stärker ist. Die eigene Überforderung. Oder weil wir glauben, es reicht nicht. Ich reiche nicht.

Was wäre, wenn das der zentrale Hebel ist?

Nicht noch mehr Fakten. Nicht noch mehr Argumente. Sondern ein anderer Fokus.

Ich habe einmal gelesen, dass man sich seine Probleme bis zu einem gewissen Grad selbst aussuchen kann. Wenn man sich nicht aktiv auf etwas konzentriert, serviert einem das Leben irgendein Problem – das man dann halt bearbeiten muss. Aber wenn man sich auf etwas Größeres fokussiert, dann relativieren sich viele dieser Alltagsprobleme. Sie schrumpfen. Werden handelbar.

Vielleicht liegt darin ein Ausweg: Nicht noch mehr Selbstoptimierung. Nicht noch mehr Stressbewältigung. Sondern eine Richtungsänderung.

Ein Fokuswechsel.


Ich denke an all die Menschen, die Großes geleistet haben – nicht trotz, sondern wegen ihres Engagements für etwas Größeres.

Jane Goodall, die seit Jahrzehnten für den Schutz von Schimpansen kämpft – mit unermüdlicher Geduld, mit wissenschaftlichem Feingefühl und tiefer Menschlichkeit.

Oder Brigitte Bardot – einst Sexsymbol, heute unbequeme Tierschutz-Ikone, die ihr Vermögen und ihren Ruhm nutzt, um Tierleid öffentlich zu machen, statt sich in der Nostalgie ihrer Filmkarriere zu sonnen.

Oder Muhammad Yunus, der in einem der ärmsten Länder der Welt ein Finanzsystem erfand, das Menschen in Armut nicht ausschließt, sondern ihnen Zutrauen schenkt – und damit echte Entwicklung möglich machte.

Oder all die Unbekannten, die ihren Ruhestand nicht am See verbringen, sondern ehrenamtlich Flüchtlingen bei der Eingliederung helfen, im Tierschutz aktiv sind oder Petitionen schreiben.

Sie alle verbindet eines: Sie haben sich entschieden, ihr Leben auf etwas Größeres zu richten als auf sich selbst.

Manche nennen das Sinn. Andere Engagement.

Ich glaube: Es ist gelebte Vernunft.

Aber was heißt das konkret – für mich, für dich, für uns?

Wie kommt man trotz Angst, Stress und Alltag wieder ins Handeln?

Und deshalb lasse ich den Text hier bewusst offen.

Nicht mit einer Antwort, sondern mit einer Frage:

Was hält dich zurück? Und was bringt dich trotzdem ins Handeln?

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