Das Volk braucht Könige und Sklaven

Gedanken über Könige, Kapitalismus und Klassenkampf

Vielleicht brauchen wir sie – die Könige und die Sklaven.

Nicht im historischen, sondern im psychologischen Sinne.
Als Rollen, an denen wir unser Verhältnis zu Macht, Verantwortung und Ohnmacht verhandeln. Und vielleicht auch als blinde Flecken, die uns zeigen, wo unsere Gesellschaft – trotz aller Fortschrittserzählungen – stehen geblieben ist.

Die Faszination der Macht – und der heimliche „Rassismus nach oben“

Wer kennt sie nicht, diese voyeuristische Sucht, mit der wir Königshäuser, Milliardäre oder Influencer verfolgen? Wir verurteilen das Dekadente – und konsumieren es gleichzeitig gierig.
Wir empören uns über Reichtum – und träumen doch davon.
Es ist eine Art Rassismus nach oben – ein moralisches Ausgleichsritual, mit dem wir unser eigenes Gefühl von Ohnmacht besänftigen.
Wir lachen, wenn die Mächtigen stolpern. Wir schimpfen über ihre Arroganz. Wir entlasten uns selbst von Verantwortung, indem wir sie auf jene projizieren, die im Rampenlicht stehen.
Und doch: Ohne diese Königsfiguren, ohne „die da oben“, wüssten wir oft gar nicht, wohin mit unserer Bewunderung, unserer Wut, unseren Sehnsüchten. Vielleicht brauchen wir „Könige“, damit jemand Verantwortung trägt, wenn Dinge schief laufen. Damit wir Schuld verteilen können. Vielleicht brauchen wir sie aber auch als Inspiration – als jene, die vorangehen, sichtbar sind, ein Leben führen, das wir uns selbst nicht zutrauen.
Aber ebenso zeigen sie uns die Schattenseiten der Macht: wie Menschen unsozial, verantwortungslos, egoistisch oder geradezu zerstörerisch handeln können, wenn Reichtum und Status ihnen zu Kopf steigen.
Sie sind Mahnmal und Mythos zugleich – Beispiele dafür, wie tief menschliche Abgründe reichen können, wenn niemand mehr Grenzen setzt. Und manchmal auch dafür, wie grotesk das Leben wird, wenn ein einzelner Mensch mehr Ressourcen besitzt als ganze Regionen dieser Welt.

Zwischen Bewunderung und Verachtung

Zwischen den Extremen liegt die große Mitte –
jene breite Schicht, die sich wahlweise nach oben sehnt oder nach unten abgrenzt. Wir wollen dazugehören, besser leben, mehr besitzen – und ahnen doch, dass genau dieser Drang Leid erzeugt.
Nicht nur bei anderen, sondern auch in uns selbst. Denn wer ständig nach oben strebt, verliert leicht den Blick dafür, was wirklich genug wäre.
Natürlich: Ein gewisses Maß an Wohlstand ist notwendig, um sorgenfrei leben zu können. Aber jenseits dieser Schwelle beginnt der Rausch –und mit ihm die Illusion, Glück ließe sich anhäufen.
Hier zeigt der Kapitalismus seine psychologische Raffinesse:
Er verkauft uns nicht nur Produkte, sondern auch Identitäten. „Du könntest auch oben sein“ – das ist sein stilles Grundrauschen. Und gleichzeitig verschweigt er, wer den Preis dafür zahlt.

Die Sklaven unserer Zeit – und warum wir sie nicht sehen wollen

Denn am anderen Ende des Spektrums stehen die Unsichtbaren:
Obdachlose, chronisch Kranke, Bürgergeld-Empfänger, Menschen in prekären Jobs, sowie Millionen Arbeiter in Indien, Afrika, Südostasien – jene, die unsere Kleidung nähen, unsere Smartphones bauen, und doch nie in der Werbung auftauchen.
Das sind die modernen Sklaven.
Nicht aus historischem Zwang, sondern aus ökonomischer Notwendigkeit.
Manchmal übersehen wir sie nicht zufällig, sondern weil ihr Anblick etwas in uns berührt, das wir nicht wahrhaben wollen: dass unser Wohlstand auf einer globalen Hierarchie beruht, die wir mitfinanzieren und mitprofitieren.
Das tragische ist, dass viele gar nicht die Wahl haben.

Auch Tiere, die Natur, die elementaren Lebensgrundlagen unseres Planeten sind längst zu Sklaven eines Systems geworden, das wir Fortschritt nennen. Sie arbeiten und leiden unbezahlt, unbemerkt, unersetzlich: Sie reinigen Luft, speichern Kohlenstoff, erhalten das Leben, geben uns ihr Leben – und werden doch nur als Ressource behandelt.
Sie bilden das „untere 1 %“ der Welt, die Kaste der wahren Unberührbaren.

Die psychologische Lust an Unterwerfung
Doch der Sklave ist nicht nur ein gesellschaftliches, sondern auch ein inneres Bild.
Manche Menschen wählen Ohnmacht – freiwillig. Sie geben Verantwortung ab, spielen das Opfer, suchen Mitleid, entziehen sich der Bürde der Selbstbestimmung.
Auch das kann eine Form von Kontrolle sein – eine paradoxe Lust am Masochismus.
Genauso wie manche sich nach Königsrollen sehnen, sehnen sich andere nach Entlastung, Führung, Klarheit.
Beides sind uralte archaische Muster – und der Kapitalismus weiß sie meisterhaft zu nutzen.

Vielleicht ist Ungleichheit gar nicht das eigentliche Problem
Vielleicht geht es weniger darum, dass Menschen unterschiedlich leben.
Ungleichheit wird es immer geben. Viel entscheidender ist die Frage: Können wir vernünftig damit umgehen?
Die Antwort der Geschichte war oft: nein.
Die Antwort des Kapitalismus lautet: nur solange der Motor läuft.
Unsere ökologischen und sozialen Krisen zeigen: Dieser Motor frisst die Welt schneller, als wir sie reparieren können.
Vielleicht liegt die nächste Entwicklungsstufe der Menschheit nicht in Technologie oder künstlicher Intelligenz, sondern in Schwarmintelligenz –einer kollektiven Vernunft, die das Wohl aller mitdenkt.
Nicht altruistisch im moralischen Sinne, sondern schlicht vernünftig: weil kein System langfristig stabil bleibt, wenn es auf Kosten anderer existiert.

Photo by Randy Fath on Unsplash

Könige, Sklaven – und die Evolution der Verantwortung
Vielleicht brauchen wir in einer weiterentwickelten Gesellschaft weiterhin Rollen, aber andere Rollen als heute. Könige, die keine Herrscher sind, sondern Vorbilder.
Sklaven, die keine Opfer sind, sondern Menschen, die zeitweise Unterstützung brauchen – ohne dafür ihre Würde zu verlieren.
Vielleicht geht es nicht darum, alle gleich zu machen, sondern Ungleichheit menschlich, transparent und verantwortungsvoll zu gestalten.
Vielleicht ist das unser nächster Evolutionsschritt:
Eine Gesellschaft, in der Macht nicht länger etwas ist, das man über andere ausübt, sondern etwas, das man mit anderen teilt. Eine Welt, in der wir keine Könige mehr brauchen, um unsere Sehnsüchte zu projizieren, und keine Sklaven mehr, um unsere Ängste zu verdrängen.

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