Sie erzählen die „besseren“ Geschichten!
Dieser Satz ist kein Urteil, sondern eine unbequeme Beobachtung.
Denn wer die besseren Geschichten erzählt, bekommt mehr Mitgefühl, mehr Aufmerksamkeit – und am Ende auch mehr politische Rückendeckung.
So funktioniert mediale Realität im Jahr 2025.
Nach dem brutalen Überfall der Hamas auf israelische Zivilisten am 7. Oktober 2023 wusste Israel genau, was zu tun ist: Opfergeschichten erzählen. Persönlich. Nahbar. Emotional. Mit Namen, Gesichtern, Schicksalen. Geiseln wurden in den Medien sichtbar gehalten. Familien traten in Talkshows auf. Plakate mit Fotos wurden demonstrativ in die Kameras gehalten.
Der Effekt: Die Welt fühlte mit.
Gleichzeitig starben im Gazastreifen zehntausende Menschen.
Ein Großteil der Infrastruktur wurde zerstört, über eine Million Menschen vertrieben, Kinder, Frauen, Alte verhungerten, verbluteten und tun es noch.
Aber es fehlen die Namen. Die Geschichten hinter den Opfern.
Es sind viele Tote – aber eben nur in der Statistik.
Framing, Macht und Begriffe
Der eine Angriff wird Terror genannt.
Der andere Selbstverteidigung.
Wer definiert das eigentlich?
Diese Art der sprachlichen Rahmung – Framing – ist eine der wirksamsten Formen der Meinungsbildung. Israel hat es perfektioniert, unterstützt durch westliche Medien, die historisch und kulturell eher israelsolidarisch berichten. Palästina dagegen ist in dieser Hinsicht strategisch schlecht aufgestellt.
Und ja: Die Angriffe der Hamas, die Ermordung und Entführung von Zivilisten, sind durch nichts zu rechtfertigen. Sie sind abscheulich, feige, inhuman.
Aber daraus folgt nicht automatisch, dass jeder israelische Gegenschlag mit denselben, oder schlimmeren Mitteln gerechtfertigt ist.
Wenn 60.000 Menschen sterben und Millionen leiden, aber die Berichterstattung sich allzuoft auf Raketen konzentriert, die Israel treffen, dann ist das keine objektive Perspektive mehr, sondern ein dramaturgischer Fokus.
Und dieser Fokus ist nicht neutral.
Er folgt einer Geschichte, die erzählt werden will.
Warum hören wir keine arabischen Geschichten?
Die arabische Welt hat eine reiche Erzählkultur. Poesie, Mythen, Heldensagen.
Und doch: In diesem Konflikt bleibt sie seltsam stumm.
Werden ihre Geschichten nicht erzählt?
Oder nicht gehört?
Oder bewusst nicht gezeigt?
Warum gibt es keine Gesichter – mit Namen – der Opfer aus Gaza?
Warum keine Geschichten der Kinder, die ihre Eltern, ihr Zuhause, ihr Leben verloren haben? Keine Geschichten über die Vielzahl der alltäglichen Provokationen und Unterdrückung gegenüber palästinensischen Bauern?
Warum keine Mütter in Talkshows, die Fotos ihrer toten Söhne und Töchter hochhalten?
Haben arabische Regierungen vielleicht selbst wenig Interesse daran, die eigene Bevölkerung zu emotionalisieren, aus Angst vor Unruhen im eigenen Land?
Oder fehlt es schlicht an Medienzugang, Übersetzern, Plattformen.
Aber das ändert nichts an der Wirkung.
Geschichten lenken das Mitgefühl – und das Geld
Ein krankes Kind in Deutschland bekommt ein Spezialmedikament für zwei Millionen Euro.
Zur selben Zeit könnten mit diesem Geld in Afrika hunderte Kinderleben gerettet werden.
Aber sie haben keine Geschichte.
Zumindest keine, die bei uns erzählt wird.
Ein gestrandeter Wal wird mit großem Aufwand ins Meer zurückgeschoben – während hunderttausende Nutztiere täglich unter grauenhaften Bedingungen sterben.
Aber auch sie haben keine Geschichte, keine Kamera, keine Namen.
Und so bekommt Unterstützung nicht wer es am meisten braucht, sondern wer die bewegendste Geschichte liefern kann.
Geld regiert die Welt, aber Geschichten lenken das Geld.
Die Welt ist ein Casting für Aufmerksamkeit
Und wer Aufmerksamkeit hat, hat Macht.
Diese Macht lässt sich nutzen oder missbrauchen.
Der israelisch-palästinensische Konflikt ist nur ein besonders sichtbares Beispiel für dieses Prinzip:
Wer erzählt, gewinnt.
Wer nicht erzählen kann verliert.
Die öffentliche Meinung, politische Reaktionen, humanitäre Hilfe: All das hängt an Bildern, Formulierungen, Narrativen.
Nicht an Gerechtigkeit.
Nicht an Verhältnismäßigkeit.
Und schon gar nicht an der Vernunft.
Was heißt das für uns?
Vielleicht sollten wir lernen, genauer hinzusehen:
Nicht nur auf das, was berichtet wird, sondern auch auf das, was nicht berichtet wird.
Wer kommt zu Wort? Wer nicht?
Wessen Leid wird personalisiert – und wessen anonymisiert?
Und vielleicht sollten wir aufhören, uns so leicht mit den Geschichten zufrieden zu geben, die uns serviert werden.
Vernünftiges Erzählen – ein Plädoyer für das richtige Maß
Was also wäre ein vernünftiger Umgang mit Informationen, Geschichten und medialer Aufmerksamkeit?
Vielleicht gar nicht so kompliziert: Das Verhältnis muss stimmen.
Wenn von hundert Geflüchteten sich achtzig integrieren oder es ernsthaft versuchen – dann sollten achtzig Prozent der Geschichten davon handeln, wie Menschen ankommen, sich bemühen, neue Leben aufbauen. Sie sollten auch beschreiben warum sie aus ihrer Heimat geflohen sind – Familiengeschichten erzählen. Und ja, über die zwanzig Prozent, bei denen es nicht klappt – aus welchen Gründen auch immer – muss ebenfalls gesprochen werden. Aber differenziert. Ohne Schaum vor dem Mund, aber auch ohne Angst, in irgendeine ideologische Schublade gesteckt zu werden.
Dasselbe gilt für viele andere Themen.
Massentierhaltung zum Beispiel:
Wir sehen schöne Bilder von gegrillten, saftigen Steaks, Butterverpackungen mit Wiesenidyll, Schweine, die auf Tiertransportern selig lächeln.
Und das Leid? Die Realität der Mastanlagen, der Transporte, der Schlachtungen? Meist unsichtbar. Oder kurz vorm Einschlafen in einer Doku auf ARTE versteckt.
Wie könnte das funktionieren, vernünftiger Fleischkonsum?
Erst einmal: muss es so viel Fleisch sein?
Wären 12 Kilo pro Jahr – statt über 50 – nicht deutlich vernünftiger?
Ein Viertel des Tierleids – bei gleichem Genuss, nur eben seltener.
Ein alter Ochse, der in Frieden gealtert ist – statt ein sechs Monate altes Kalb, das nie Sonnenlicht gesehen hat?
Vernunft heißt nicht Verzicht – sondern Verhältnis.
Und genau das brauchen wir auch beim Erzählen von Geschichten.
Nicht nur das Spektakuläre. Nicht nur das Entsetzliche.
Sondern auch das Ermutigende. Das Mühsame. Das Ambivalente.
Die Anzahl der Bilder, die Länge der Berichterstattung, die Auswahl der Schlagzeilen. All das sollte sich, so gut es geht, an der nachprüfbaren Realität orientieren.
Nicht, um Emotionen zu unterdrücken – sondern um ihnen ein besseres Fundament zu geben.
Denn Geschichten lenken Aufmerksamkeit.
Aufmerksamkeit lenkt Geld.
Und Geld lenkt Politik.
Wenn wir also wirklich eine vernünftigere Welt wollen, sollten wir anfangen vernünftiger zu erzählen.
Vielleicht zeigt kaum ein Konflikt so deutlich, wie gefährlich unausgewogenes Erzählen sein kann wie der zwischen Israel und Palästina. Auf beiden Seiten wird gelitten, auf beiden Seiten gibt es Opfer. Doch wer erzählt ihre Geschichten? Und wie?
Israel hat – historisch wie strategisch – gelernt, seine Geschichten effektiv zu erzählen: persönlich, greifbar, emotional. Palästinensisches Leid bleibt oft anonym, gesichtslos, ohne Stimme. Das verändert unsere Wahrnehmung – ganz gleich, was die Fakten sagen.
Das ist kein Vorwurf, sondern eine Beobachtung. Und vielleicht ein Aufruf: zur Empathie, zur Differenzierung, zur ausgewogenen Darstellung.
Vernünftiges Erzählen heißt nicht, alle Seiten gleichzumachen.
Es heißt, sie zu verstehen – und sie in ihrer Menschlichkeit sichtbar zu machen.


