Eine Spurensuche zwischen Spaziergang und Statistik
Wer aufmerksam durch die Landschaft geht, beginnt irgendwann unweigerlich zu fragen: Wo ist eigentlich noch Natur? Ich gehe gerne spazieren. Um abzuschalten, den Kopf frei zu bekommen und um meine Hunde zu bewegen.
Ich sehe Äcker. Zäune. Straßen. Weiden mit Kühen. Forstwirtschaftliche Reihen, die im rechten Winkel in den Wald führen. Gelegentlich ein Mähdrescher, ein Traktor, Windräder am Horizont. Irgendwo ein Flugzeug. Und selbst dort, wo es grün und still wirkt – irgendwo läuft eine Landstraße, liegt ein Dorf, hört man einen Motor.
Es ist kaum möglich, einen Ort zu finden, an dem man keine menschlichen Auswirkungen sieht. Kein menschliches Geräusch hört. Das hat mich nachdenklich gemacht.
Das Schaubild – und was es verschweigt
Ich teile hier ein Schaubild, das diese Frage in Zahlen fasst. Es zeigt: Von der gesamten bewohnbaren Landfläche der Erde – rund 104 Millionen km² – sind bereits 74 % vom Menschen genutzt. Nur noch 26 % gelten als freie Natur.
In den Nachrichten messen wir Flächen gerne in Fußballfeldern. Oder wir bemühen das Saarland, manchmal auch den Bodensee. Das hilft uns, Dimensionen zu verstehen – oder zumindest so zu tun, als ob.
77 Millionen Quadratkilometer vom Menschen genutzte Fläche. Das wären, für alle die es brauchen: über 10 Milliarden Fußballfelder. Oder etwa 22.000 Mal das Saarland. Man könnte es auch in Bodenseen ausdrücken – aber dafür müsste man erst ausrechnen, wie viele Bodenseen es bräuchte, und irgendwo dabei verliert mein Gehirn den Faden.
Anders gerechnet: Es gibt etwa 8 Milliarden Menschen auf der Erde. Die vom Menschen genutzte Fläche würde jedem von uns ein eigenes Fußballfeld geben – mit Platz für Reserven. Stell dir das mal vor. 8 Milliarden Menschen, jeder allein auf seinem Fußballfeld. Und das ist nur die Fläche, die wir bereits verbraucht haben.
Aber was steckt eigentlich hinter diesen 74 %?
Das Schaubild fasst es knapp zusammen: Siedlungen, Infrastruktur, Ackerflächen, Weiden, Plantagen, Bergbau. Es lohnt sich, das aufzudröseln, denn dahinter verbirgt sich die ganze Bandbreite dessen, was wir „Zivilisation” nennen.
Die Landwirtschaft allein belegt mit Äckern und Weideland rund 33 % der gesamten Landfläche der Erde – damit ist sie der mit Abstand größte Flächennutzer. Davon entfallen etwa 1,57 Milliarden Hektar auf Ackerflächen und rund 3,21 Milliarden Hektar auf Weideland. Dazu kommen Forstwirtschaft und Plantagenwälder – Wälder, die wie Felder bewirtschaftet werden, in denen es keine alten Bäume, keinen Totholzanteil, keine wilde Untervegetation gibt.
Und dann: Straßen, Autobahnen, Schienen, Flughäfen, Häfen. Städte und Vorstädte. Parks und Gärten, die zwar grün aussehen, aber gestaltete Natur sind. Stauseen und Wasserreservoirs. Tagebau und Bergbau. Mülldeponien.
Das Schaubild ist dabei an einer Stelle etwas ungenau – und das ist wichtig zu verstehen: Die Grenze zwischen „bewohnbarer Landfläche” und dem, was als „vom Menschen genutzt” gilt, ist keine klare Linie.
Viele Wälder, die statistisch als „Wald” geführt werden, sind in Wirklichkeit Forste: bewirtschaftet, durchforstet, fragmentiert. Viele Flächen, die nicht direkt genutzt werden, sind trotzdem beeinflusst – durch Stickstoffeinträge aus der Landwirtschaft, durch Lärm, durch Lichtverschmutzung, durch invasive Arten.
Die echte unberührte Natur ist also noch kleiner, als das Schaubild vermuten lässt.

Und die Meere?
Vielleicht denken wir instinktiv: Aber das Meer. Das ist doch noch frei.
Auch das stimmt nicht mehr.
Weltweit sind etwa 9,6 % der Meeresfläche als Schutzgebiet ausgewiesen – aber nur rund 3,2 % davon gelten als tatsächlich hoch oder vollständig geschützt. Auf der Hohen See, jenseits nationaler Küstengewässer, sind es sogar weniger als ein Prozent.
Der Rest wird befischt, mit Schadstoffen belastet, durchquert. Mikroplastik findet sich in Tiefseegräben, in arktischem Eis, im Blut von Meeressäugern.
Die Ozeane sind nicht die Wildnis, die wir uns vorstellen – sie sind der größte Ablageraum, den wir haben.
Was kommt?
Wenn wir so weitermachen wie in den letzten Jahrzehnten, könnten bis 2050 weitere 16 Millionen km² Naturraum degradieren – eine Fläche fast so groß wie Südamerika. Allein in den letzten sechzig Jahren haben Landnutzungsänderungen fast ein Drittel der globalen Landfläche betroffen.
Das ist kein abstraktes Problem.
Es ist der Abbau von Rohstoffen. Das Neubaugebiet am Ortsrand.
Flächen für Energie – für ihre Gewinnung, Erzeugung, Verteilung und Speicherung.
Der Acker für Soja und Mais.
Und all die Spuren, die daraus entstehen: Verschmutzung, Lärm, Eingriffe, die bleiben.
Ich gehe spazieren und denke:
Wo endet die Welt des Menschen eigentlich noch?
Ich finde keine Antwort.
Aber ich halte die Frage für wichtig.



